Wüstengängig werden

Das Leben läuft mir nicht immer gleich von der Hand. Es gibt Tage, da würde ich mich am liebsten verkriechen, irgendwo ruhig auf einem Stein sitzen wollen, nichts tun, nichts entscheiden, nichts planen. Nicht einmal innehalten, oder einfach so schön dasein möchte ich da. Gleichsam nicht mehr dasein, möchte ich dann. Nichts wollen, nichts wollen müssen, kein Ziel haben, keine Aufgabe. Vermutlich ist dies die Sehnsucht nach dem Zustand, in dem ich als Baby war. Da wurde mir alles gereicht, was ich brauchte.  Da hatte ich vermutlich noch gar keine Sehnsucht, weil ich ja alles bekam, was ich brauchte. Da war ich wohl rund herum in mir und mit mir zufrieden. Vielleicht ist dieser Wunsch auch eine Reaktion auf die Erfahrung, dass das Leben anstrengend sein kann und aufreibend. Wenn ich mir Zie¬le stecke, wenn ich mich engagiere und etwas erreichen will, dann beflügelt das, spornt an und wirkt als Triebkraft. Aber da kommt  dann immer auch Widerstand auf. Noch im kleinsten Engagement werden Reibungsflächen spürbar. Engagement verbraucht auch, die Orientierung an Zielen bindet Kräfte. Wäre alles nicht viel einfacher, wenn ich mich vom Leben einfach treiben liesse? Wäre es nicht bequemer, mich mit weniger zufrieden zu geben? Irgendwie doch auch faszinierend so als grosses Baby zu leben, umsorgt, gepflegt und geborgen! Irgendwie doch auch anziehend so als Konsument zu leben und das Leben auf das zu reduzieren, was sich konsumieren lässt und was mir leicht zur Verfügung steht. O sancta Schlaraffia!

Und so gibt es sie eben diese Momente, an denen ich alles ablegen möchte. Das Leben revidieren, kleinere Brötchen backen; abspecken und Visionen auf das Machbare reduzieren. Die Sehnsucht nach vorn weicht der Sehnsucht nach hinten.

        Die Bibel erzählt uns, dass auch das Volk Israel solche Wünsche durchlebte. Aufgebrochen war es aus Ägypten, freigekommen dank Mosess und seinem Gott. Es erlebte, wie seine tiefe Sehnsucht nach Befreiung aus der Not erhört wurde. Aus der Gefangenschaft wurde es befreit und auf den Weg ins gelobte Land geschickt. Gott hatte in sein Leben eingegriffen und seinen Wunsch, unabhängig und frei zu leben, aufgenommen und ins Realisiertwerden befreit. Der Weg allerdings führte durch die Wüste. Und dieser Weg war anstrengend und mühsam. Im Buch Deuteronomium wird davon erzählt: „Unterwegs aber verlor das Volk den Mut, es lehnte sich gegen Gott und gegen Mosess auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten herausgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser. Dieser elenden Nahrung sind wir überdrüssig“ (Dtn 21,4b-5). Eine Situation, die ich gut verstehen kann. Die erste Begeisterung ist verflogen. Der Weg führt nicht zum Ziel. Die Mühsal der Wanderung drückt immer mehr. Da müssen Aufwand und Ertrag miteinander verrechnet werden. Da müssen die Lebensperspektiven zurechtgerückt, da muss Bilanz gezogen werden.

        Das ist die Situation Israels in der Wüste: In die Freiheit gerufen und aufgebrochen, weil Gott sein Schreien hörte und seine Not sah, findet sich dieses Volk in der Einöde, in der Entbehrung. Die erhoffte Freiheit stellt sich nicht ein, die Mühen des Weges sind deutlich spürbar. Verständlich, dass es da seinen Mut verliert und zurück will, Der Aufwand ist zu gross, der Bogen zwischen Verheissung und Erfüllung zu weit gespannt.

        Irgendwo zieht jeder Bilanz und rechnet sich aus, wie er sich sein Leben einrichten mag. Irgendwie misst jede Aufwand und Ertrag und zieht ihre eigenen Konsequenzen. Wir sind nüchterne Menschen und wollen nicht ewig von der Sehnsucht und bloss von Verheissungen leben. Irgendeinmal muss sich auch einstellen, was wir erhoffen. Du kannst nicht ewig nur von Visionen leben, irgend einmal muss auch Zahltag sein.

        Und so sind dies entscheidende Momente im Leben: Wenn die Erfüllung der Verheissung sich verzögert. Wenn deutlich wird, dass die erste Begeisterung nicht reicht, dich ins Ziel zu tragen. Wenn sich an die Zugkraft deiner Visionen die Bleikugeln des Alltags hängen. Da entscheidet sich noch einmal alles. Da beginnst du nochmals von vorn und überlegst dir alles genau, sehr genau. Israel auf alle Fälle gerät in der Wüste in diese Situation. Seine Sehnsucht nach dem gelobten Land bricht in sich zusammen. Die Sehnsucht nach hinten,  zurück nach Ägypten schwillt an. Die Situation wird schwierig, die Atmosphäre im Volk ist giftig. Der Text erzählt davon: „Da schickte der Herr Giftschlangen unter das Volk. Sie bissen die Menschen, und viele Israeliten starben. Die Leute kamen zu Moses und sagten: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den Herrn und gegen dich aufgelehnt. Bete zum Herrn, dass er uns von den Schlangen befreit. Da betete Moses für das Volk. Der Herr antwortete Moses. Mach dir eine Schlange, und hänge sie an einer Fahnenstange auf. Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht. Moses machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Fahnenstange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben“ (Dtn 21,7-9). Moses greift ein und kann die Situation wenden. Die Verheissung des gelobten Landes gewinnt wieder an Kraft und Bedeutung. Moses findet das Heilmittel, das gegen die Resignation und die Versuchung der Flucht zurück hilft. Selbst derjenige, der von der Schlange gebissen wurde, bleibt am Leben, wenn er auf die aufgerichtete Schlange blickt. Es gibt also eine andere Möglichkeit auf Ermüdung und Entmutigung zu reagieren. Es ist nicht unausweichlich, die Horizonte klein zu machen und nach rückwärts zu schauen, wenn sich die Frage nach der Lebensbilanz stellt.

        Diese von Moses erhöhte Schlange taucht im nächtlichen Gespräch, das Nikodemus im Johannesevangelium mit Jesus führt, wieder auf. Dort wird der erhöhte Menschensohn mit dieser Schlange verglichen. In diesem Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus geht es um das wahre Leben, das in den Evangelien auch Reich Gottes oder Leben in Fülle, in Überfülle genannt wird. Es ist die Frage, vor der das Volk Israel in der Wüste steht. Es ist die Frage, die sich stellt, wenn ich Bilanz ziehe, wenn ich überprüfe, was denn mein Leben soll. Diese Frage kann an Wendepunkten des Lebens auftauchen. Das Schicksal kann sie mir gnadenlos an den Kopf schlagen. Sie kann sich auch leise in meinen Alltag einschleichen. Es ist eine eigenartige Frage. Das Leben stellt sie mir zwar, sie lässt sich aber nicht einfach aus dem Leben beantworten. Die Antwort aber die ich darauf erhalte, ist nicht bedeutungslos; obwohl sie nicht einfach mein Leben selber gibt, prägt sie mein Leben.

        Hören wir zunächst einmal hin. Was erfährt Nikodemus zur nächtlichen Stunde von Jesus? Jesus ist in die Welt gekommen, um sie zu retten. „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Joh 3,17). Es geht Jesus also nicht darum, die Welt zu verurteilen. Der Auftrag Jesu, so erfährt Nikodemus , gründet in der Liebe Gottes: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16).  Das Leben Jesu wird mit den beiden Begriffen Erniedrigung und Erhöhung gedeutet... Der Sohn ist in diese Welt eingestiegen, er hat sich erniedrigt und ist dann von Gott erhöht worden. Erniedrigung meint das Leben Jesu, wie er es unter den Menschen gelebt und erlitten hat. Er kennt diesen Weg der Sehnsucht, der Enttäuschung und des Bilanzierens, er kennt die Mühen des Lebens. Er hält an seiner Sendung fest, auch da, wo sie ihm das Leben kostet. Erhöhung meint die Erfahrung, dass dieses Leben gültig ist. In der Auferweckung wird bezeugt, dass das, was Jesus lebte, nicht vergeht, sondern Bestand hat und damit Halt und Stand geben kann.

        Deshalb erhält der erhöhte Jesus die Rolle der Schlange in der Wüste. Wer zu ihm aufblickt, der hat das ewige Leben, der ist gerettet. „Wer an ihn glaubt“, heisst es bei Johannes, „wird nicht gerichtet, wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat“ (Joh 3,18). Das ewige Leben und das Leben jetzt sind in diesem theologischen Entwurf identisch. Die Theologen reden von der präsentischen Eschatologie des Johannesevangeliums. Nicht erst am Ende meines Weges gelange ich ins gelobte Land, ich bin jetzt schon – aus der Kraft des Blickes auf den erhöhten Menschensohn – im gelobten Land. Das Leben jetzt und das ewige Leben fallen in eins.

        Vergessen wir die komplizierte Sprache und versuchen zu verstehen, was uns Johannes sagen will. Es geht um die Grunderfahrung, aus der wir leben. Johannes meint, dass die Hoffnung, auf die hin wir leben, sich jetzt schon ganz und gar realisiert hat. Gott wird nicht erst kommen, er ist schon da. Ich stelle mir das so vor. Das Leben läuft gleich-sam auf zwei Ebenen ab. Da ist die eine, die alltägliche, auf der ich alle Erfahrungen ansiedeln möchte, die meinen Alltag ausmachen. Alles, was mir da widerfährt und was ich tue. All das, was man sieht, wenn man einen Menschen durch seinen Alltag begleitet, geschieht auf dieser Ebene. Diese Alltagserfahrungen wirken sich aber aus. Ich bilanziere mein Leben fortlaufend. Eine gute Erfahrung beflügelt mich, Negatives lähmt mich. Und die Summe der Erfahrungen zieht mich in die eine oder in die andere Richtung. Auf dieser zweiten Ebene entwickelt sich mein Lebenskonzept. Dieses Konzept ist keine Formel, keine Definition in Begriffen und Erklärungen. Es ist vielmehr eine Grundstimmung, eine Gestimmtheit. Die erste Ebene lässt sich vielleicht mit einer Melodie vergleichen. Die zweite ist die Tonart, in der ich die Melodie singe. Auf der zweiten Ebene entscheidet sich, über welche Tonarten ich verfüge. Israel in der Wüste droht die Tonart der Hoffnung zu verlieren. Die Gestimmtheit auf dieser zweiten Ebene, der Ebene des Lebenskonzeptes bestimmt auch, wie ich die Erfahrungen auf der ersten, auf der alltäglichen Ebene verarbeiten kann. Unterschiedliche Lebenskonzepte lassen gleiche Alltagserlebnisse unterschiedlich erfahren. In Jesus Christus lässt sich nun Gott auf diese beiden Ebenen meines Lebens ein. Erniedrigung meint, dass er sich hineingibt in den Alltag der Menschen, er kennt also unsere Alltagsmelodien. Erhöhung zeigt an, dass er die Tonart der Hoffnung, des erfüllten Lebens anstimmt, obwohl er auf der Ebene der Alltagserfahrung Ablehnung, Widerstand, den Tod am Kreuz erfahren hat. Im Blick auf Jesus kann ich erfahren, dass die Tonart der Hoffnung, des erfüllten Lebens tragfähig ist. Sie kann durch nichts mehr zerstört werden. Ihr kann keine Alltagserfahrung mehr etwas anhaben. „Wer an ihn glaubt“, so formuliert es Johannes, „wird nicht gerichtet“ (Joh 3,18). Er glaubt daran, dass er hineingenommen ist in das Lebenskonzept Gottes, das Leben in Fülle ermöglicht. Er glaubt – und darauf legt Johannes das Gewicht – dass er jetzt schon aus dieser Fülle des Lebens lebt. Das gelobte Land, um das Bild aus dem Ersten Testament aufzunehmen, liegt nicht in weiter Ferne, es ist jetzt schon da. Wir gehen nicht auf es zu, wir leben schon in ihm. "Jeder, der an ihn glaubt, hat schon das ewige Leben" (Joh 3,15).

        Damit geht es in diesem entscheidenden Moment, in dem ich Bilanz ziehe darum, mir  diesen Zusammenhangs bewusst  zu machen. Mag die Alltagsmelodie scheppern, über die Tonart ist schon entschieden. Es ist die Tonart der Fülle und der Hoffnung. Sie kann nicht mehr zerstört werden.


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