Männer und Depression

Auf Grund einer eignenen länger andauernden depressiven Erkrankungen und der dabei gemachten Erfahrungen mit mir selbst und mit Mitpatienten versuche ich einige, nicht wissenschaftlich belegte und in Studien erhärtete Bebachtungen zur Form der männlichen Depression und des Umgangs von Männern mit ihren Depressionen vorzulegen. Meine eigenen Erfahrungen habe ich in einem längeren Bericht „Masken des Männlichen, die Geschichte einer Depression“, Fribourg 2006 veröffentlicht. 

Dieter kam in der Klinik mit seinem Laptop an. Seine erste Frage galt einem Internetanschluss, denn er wollte auch in der Klinik weiterarbeiten, so gut das möglich wäre. Mit drei Tagen Aufenthalt rechnete er, dann sei er wieder so weit, um an die Arbeit zurückzukehren. Schon länger quälten ihn eigenartige Attacken, die ihn etwa aus dem Konzertsaal trieben. Bei letzten Arztbesuch hatte sein Hausarzt von Angstattacken geredet und ihn aufgefordert, zur Abklärung in die Klinik zu gehen. Nach einer Woche hat er sich damit abgefunden, dass er ein paar Wochen in der Klinik verbringen müsse und ist mit Eifer in das Verhaltenstherapieprogramm eingestiegen.

 

Ein Kollege, der Polizist ist, kam in eine depressive Krise. Damit war seine Karriere bei der Polizei geknickt. Ein depressiver Polizist, das kann es doch nicht geben. Er wurde gemobbt und arbeitet jetzt stundenweise im Backoffice. Er hat erlebt, dass der Mann von aussen und von innen sehr oft über seine ungebrochene Leistungsfähigkeit definiert wird. Auf Grund solcher Erfahrungen hat Dieter sein Arbeitsinstrument mit ihn die Klinik genommen. Aus der Arbeitswelt aussteigen zu müssen, war für ihn eine zu grosse Bedrohung.  Die Depression ist aber häufig die Rebellion gegen dieses einseitig gelebte Männlichkeitsideal. Sie ist die Quittung für ein am Machermannsbild orientiertes männlichen Leben. Dadurch gerät der Mann in der depressiven Krise in eine paradoxe Situation. Sein Männlichkeitsideal hindert ihn daran, die Botschaft der Depression zu verstehen, die ihn gerade von diesem Ideal und seinen zerstörerischen Aspekten befreien will. Zur Maske des Männlichen gehört die Effizienz. Alles muss in der kürzest möglichen Zeit erledigt werden. „Time is money“. Deshalb nimmt Dieter seine Arbeit mit in die Klinik. Er will in kürzester Zeit wieder hergestellt werden und seine gewohnte Leistungsfähigkeit wieder erlangen. Das biografische Lernen aber und die Veränderungen des eigenen Selbstbildes, welche die Depression gnadenlos einfordert,  sind nicht in kurzer Zeit zu realisieren. Wer sich verändern will, muss sich Zeit lassen können. Der erste entscheidende Schritt in der Verarbeitung der männlichen Depression ist es, diese Zusammenhänge zu erkennen und in ihrem Kontext die eigene Erkrankung zu bearbeiten. Es geht dabei um die Kriseneinsicht und die Bereitschaft, sich selber in dieser Krise wahrzunehmen und die dazu notwendige Hilfe zu beanspruchen. Unwidersprochene Untersuchungen stellen fest, dass Männer bis zu sechs Jahren an etwas leiden, bis sie zu diesem doppelten Schritt bereit sind. Ich habe an mir selbst erlebt, dass ich auch dann noch die Depression nicht als einen Teil meiner selbst, sondern als eine mir von aussen auferlegte Krankheit gedeutet habe: „Ich will diese depressiven Bremsen abschütteln und verlieren. Ich will meine Energie neu entdecken, entdecken, was in dem, was ist, drin steckt, und mich der Anstrengung des Augenblicks nicht entziehen. Dazu will ich lernen, im Wechsel von Spannung und Entspannung zu leben zu. Das Anpacken und das Loslassen, das Planen und das Zulassen, diese unterschiedlichen Phasen im Leben will ich zulassen.

 

(Hier zu diesem Zeitpunkt meiner Krise ist dies mein Bild, das ich mir von meiner Krankheit mache: Die Depression ist wie der Bremsklotz, der mich an der schnellen Fahrt hindert. Die Depression ist mir von außen aufgezwungen. Sie hindert mich, so weiterzuarbeiten, wie ich das bis dahin getan habe. Und meine Vorstellung ist, dass ich diese Depression abstreifen, weglegen und dann auch vergessen kann. Die Depression ist etwas, das mich von außen besetzt hat und mich daran hindert, so zu sein, wie ich schon immer war: schnell im Zupacken und unermüdlich im Arbeiten. Ich lerne im weiteren Verlauf meiner Krise, wie unbrauchbar dieses Bild ist. Es sind nun vier Jahre her, seit ich diesen Tagebucheintrag gemacht habe. Und ich bin zur Überzeugung gekommen, dass ich wirklich erst nach meinem dritten Klinikaufenthalt im März 2004 die Depression als einen aus den Fugen geratenen Teil meiner selbst verstanden habe. Und erst so ist ein anderer, nicht ein kämpferischer, sondern ein liebevoller Umgang mit der Depression möglich.

Zuerst machte mir diese Einsicht große Mühe. Da vertrödelst du drei Jahre deines Lebens, um zu entdecken, was dir wirklich helfen kann. Dann aber wird mir auch mit Hilfe von Frau D deutlich, dass Lebenshaltungen, die sich über Jahrzehnte in unseren Körper in unser Lebenssystem eingegraben haben, nicht wirklich in kurzer Zeit verändert werden können. Zeit haben und sich diese Zeit nehmen, das ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass Heilung möglich wird. „Kommt Zeit, kommt Rat.“ „Die Zeit wird Wunden heilen.“ Das sind so wunderschöne, totschlagende Weisheiten, die einem in solchen Situationen gut gemeint gesagt werden. In ihrer Abstraktheit tun sie nur weh. Sie leuchten nur im Nachhinein ein. Dann nämlich, wenn der Rat eingetroffen oder die Wunde geheilt ist. Vorher helfen sie nur, wenn mir gleichsam im Maßstab eins zu eins gezeigt wird, wie das vor sich geht. Oder dann wenn einer, wie das einige für mich getan haben, neben mir steht und mit mir geht und mich daran erinnert, dass für ihn gilt, was ich selber jetzt nicht glauben kann. Nur in dieser Konkretion sind solche Ratschläge heilsam. )

 

 

Die Männergruppe in der Klinik war sehr schlecht besucht. Wir waren jeweils drei bis vier Männer mit dem Therapeuten zusammen. Die Männer kamen unregelmässig. Es entstand keine  Solidarität, obwohl viele Männer auf den verschiedenen Klinikstationen anzutreffen waren. Krisen nach Scheidungen, Mobbing am Arbeitsplatz, Alkoholprobleme hatten viele aus der Bahn geworfen. Man sprach aber nicht gerne darüber. Ich denke an Salvatore, der bei Tisch immer den charmanten Guignol spielte, aber in einer schweren Identitätskrise steckte, die er im Alkohol zu ertränken suchte.

            Noch einmal das traditionelle Männerbild, das die Mehrheit der Männer prägt und ihnen verbietet Krisen als Krisen zu erleben und zu benennen. Noch einmal die vorgeformten Kommunikationsstrukturen der Männergesellschaft, in der nur Erfolg und Leistung zählt. Mitgefühl, Empathie und das Interesse am leidenden Menschen haben da keinen Platz. Deshalb hat der Mann in manchen Aspekten seines Erlebens keinen Platz im Gespräch unter Männern. Unsicherheit, Irritation, Schwäche und Versagen sind unmännlich. Sie werden kaum angesprochen, ja den Männern fehlt zuweilen die Sprache, um überhaupt davon zu reden. Von daher ist für mich die Feststellung fragwürdig, dass mehr Frauen an Depressionen leiden  als Männer. Ich vermute, dass die Männer ihr Erleben nicht in dieser Perspektive wahrnehmen und deuten. Die Kraft, die aus dem Machermännerbild erwächst ist lange, sehr lange ein probates Mitte, um depressive Episoden gar nicht als solche wahrnehmen zu müssen.  Ich lese zu Beginn meiner Krise in meinem Tagebuch dies: „Was habe ich in diesem mir von meinem Körper aufgezwungenen Time-out zu lernen? Heute beim Spazieren an der Wiese ist in mir das Bild vom Leben als Fluss aufgetaucht. Das Leben fließt wie das Wasser und sucht sich seinen Weg. Ich aber versuche es in Beton zu fassen und so mir verfügbar zu machen. Ich versuche im Voraus alles in den Griff zu bekommen. Alles voraussehen, um nicht unliebsam überrascht zu werden. Aber das Leben fließt anders, es bleibt nicht im Bett. Mein Versuch, das Ufer zu betonieren und so den Fluss in sein Bett zu zwingen, taugt nicht. Das Leben fließt aus lebendigen Händen und Herzen, nicht aus Plänen und Konzepten. Ich spüre, dass ich von dieser Betonmentalität Abschied nehmen und für das überraschende Fließen des Lebens sensibel werden muss.

 

            Sie sind kein sicheres Gehäuse, die zwei Monate, in denen ich nun Distanz nehmen kann vom Alltagsgeschäft in meinem Beruf. Was mache ich mit dieser Zeit? Ich, der ich so in meinem Beruf aufgegangen bin, dass ich keinen Moment mehr außerhalb von ihm lebe? Ich merke etwa, wie ich bei allem – wirklich bei allem -, was ich tue, nach einer beruflichen Verwertbarkeit frage. Was ich gelesen habe, habe ich immer auf diesem Hintergrund gelesen. Zwecklos spielen: das ist eine Dimension des Lebens, die mir abhanden gekommen ist“  .

 

 

Was sage ich meinen Angehörigen, den Geschäftsfreunden und meiner Kundschaft?  Felix trug schwer an dieser Frage. Er war nach verschiedenen Operationen und einem geplanten, aber dann doch nicht ausgeführten Selbstmordversuch, nachdem er drei Tage verschwunden und mit dem Auto quer durch Europa gerast war, auf Wunsch seiner Familie in die Klinik eingetreten. Ihn quälte die Vorstellung, dass sein berufliches Umfeld von seinem psychischen Zusammenbruch erfahren würde. Er war davon überzeugt, dass er dann bei allen Kunden und Geschäftsfreunden erledigt sei.

 

 

Körperarbeit, Gespräch und kreatives Arbeiten sind wichtige Elemente im Setting des therapeutischen Angebots einer Klinik. Die entsprechenden Angebote werden aber von Männern kaum wahrgenommen. Max hat in der Malgruppe ein Bild eines römischen Brunnens gemalt. Das Wasser ergiesst sich von der obersten Schale in ein nächst grössere, von da noch einmal in eine Schale. In das überfliessende Wasser hat er abstürzende Männchen gezeichnet. In der Stationssitzung hat er das Bild vorgestellt und erklärt, dass sein Leben aus einer Folge von Krisen besteht, die in jeweils aus der Fassung des einen Beckens herausgespült hat. Im Sturz aber hat er gelernt darauf zu vertrauen, in einem nächsten Becken wieder aufgefangen zu werden, Im folgenden Gespräch haben sich auch die Männer immer wieder auf dieses Bild bezogen. Es hat ihnen eine Bildwelt vermittelt, in der sie sich in ihrer aktuellen Situation verstanden fühlten. Dennoch sind kaum Männer in die Malgruppe gegangen.

 

 

Konrad musste seinen Handwerksbetrieb aufgeben. Die Arbeit hat ihn aufgefressen, er hat mehrere Herzinfarkte erlitten. Sein Sohn will das Geschäft nicht übernehmen. Wenn er etwa bei Tisch davon berichtet, wirkt seine Geschichte wie eine Heldengeschichte. Es beginnt immer mit seinen Erfolgen bei grossen Bauprojekten in fernen Osten. Das Scheitern zu Hause, hat er im Griff, die schwersten Rückschläge haben ihm im Kern nichts antun können. Er hat die Krise gleichsam nicht erlitten sondern gut, ja sehr gut gemeistert. Er ist bis jetzt ein Held in unterschiedlichen Szenarien geblieben. Er hat die Depression nicht an sich herangelassen. Sie bleibt verdrängt, im Innern verschlossen.

 

In meinem Tagebuch lese ich: “Da hängt mir der Satz von C. G. Jung im Kopf dass die Depression wie eine schwarze Dame sei, die man an den Tisch bitten müsse, um ihre Botschaft zu erfahren. Wird wohl schon stimmen, denke ich mir, aber mit dem Hören ist noch wenig gewonnen. Ich weiß ja, dass ich dieses Macherbild, das aus meiner Tiefe mich vergiftet, verändern sollte. Ich weiß ja, dass ich der Frage nachgehen sollte, was denn Menschsein jenseits des Machens und Eroberns bedeutet. Ich merke, wie ich mit diesen Sätzen in das bedeutungsleere Denken abgleite. Bauchdenken sollte ich und nicht Kopfhirnen. Die Angst vor dem Loslassen am 55. Meilenstein. Vor zehn Tagen bin ich 55 geworden.

            Die Gespräche mit G helfen mir. Sie beruhigen mich und lösen ein Stückchen meine innere Verspannung. Ich merke, wie wichtig es ist, dass ich mir schonungslos Rechenschaft gebe über meinen Zustand. T hat in der Männergruppe am Donnerstag davon geredet, dass wir Depressiven in der Gesellschaft nicht akzeptiert seien. Sein „wir“, das mich einschließt, hat einen großen Ärger in mir ausgelöst. Und dann hat er noch hinzugefügt: Und wir brauchen Disziplin, nur so kommen wir durch. Ich gehöre doch da nicht dazu, schoss es in mir hoch. Ich doch nicht. Zusätzlich verwirrt hat mich der Leiter der Gruppe. Ich habe davon erzählt, wie großzügig mein Arbeitsgeber sei, der mir die Zeit lasse, die ich brauche. Und er antwortete darauf: „Auch das müssen Sie noch selber managen.“ Dieser Satz hat mir in Erinnerung gerufen, dass ich nach dem Muster eines Selfmade-Mannes funktioniere, der alles ganz und gar selber machen will und darüber froh ist, nichts aus der Hand geben zu müssen.

 

(Viel später realisiere ich, wie Recht T hat. Er hat die zwei Grundeinsichten formuliert, gegen die ich mich ständig radikal sperrte. Die Depression ist nicht ein Feind, der dich von außen überfällt, mit dem du kämpfen und den du besiegen und in die Grube werfen kannst. Die Depression ist ein Teil deiner selbst. Sie gehört zu deinem Wesen, ist Teil deiner Existenz. Und du würdest dich verlieren, wenn du gegen sie kämpfen würdest. Der Kampf geht darum, dass nicht sie über dich bestimmt, sondern du sie an der Hand halten kannst. Darum geht es im zweiten Satz von T.: Es braucht Disziplin. Wenn ich am Morgen liegen bleibe, dann hat mich die Depression; wenn ich die Augen verschließe und ihr Wachsen nicht wahrnehme, dann hat sie mich. Ich habe im Verlauf dieser vier Jahre viel über diesen Zusammenhang gelernt. Und ich meine, dass ich über genügend Möglichkeiten verfüge, die Depression an die Hand zu nehmen und mich nicht von ihr in den Griff nehmen zu lassen. Und auch für diese Situation, habe ich die Erfahrung, die mir sagt, was ich dann brauche. Und die Bereitschaft ist da, mir dann auch Hilfe zu holen.)

 

Ich fasse zusammen, was mir wichtig geworden ist:

1.        Männer stehen auf Grund traditioneller Rollenbilder in der Gefahr, depressive Episoden zu überspielen, ja nur in verdeckten Gestalten wahrzunehmen. Es wäre wichtig, dass Reden über Depressionen gerade Männer zu erleichtern.

2.        Wer  seine Depressionen unverdeckt zu lässt und sich mit ihrer Botschaft auseinandersetzt, um die Formulierung Jungs aufzunehmen, wird ein neues Verhältnis zu seinem Selbstbild als Mann finden müssen. Für Männer geschieht die Bearbeitung einer Depression im Bruch, der sich in ihrem traditionellen Männerbild auftut.

3.        Wichtige Elemente der Therapie mit depressiven Menschen bedienen sich Medien und Mitteln, zu denen Männer schwieriger Zugang finden als Frauen. Ich denke an das Gespräch, Körperübungen, die nicht auf Leistung und Fitness zielen , kreatives Arbeiten und Schreiben. Möglicherweise müssen für Männer männerspezifische Formen entwickelt werden.


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