Spuren Gottes. Alltägliche Besinnungen *

Die Zeitung auf dem Frühstückstisch 

Beginn den Tag mit einem Ei, so hiess einmal ein Werbespruch. Fragt man seine Kolleginnen und Kollegen, so stellt man fest, dass der Tag vor al­lem mit einer Tasse Kaffee begonnen wird. Und meistens auch mit der Zei­tung. Mir geht es genauso. Ein Morgen ohne Zeitung, ist wie ein Tag, an dem es nicht hell wird. Die Zeitung beim Frühstück ist mir überlebensnotwendig geworden.

 

-------------------------------------

        Eigentlich eigenartig dieser Tat­bestand. Denn die Zeitung ist ja voll von Schreckensnachrichten, von Katastrophen und Kriegsberichten. Kaum je eine gute Nachricht. Und die Redaktoren lernen ja auch in ihrer Schule, dass gute Nachrichten keine Nachrichten sind. Sie kennen uns gut, wenn sie daran festhalten, dass schlechte Nachrichten gute Nachrich­ten sind. Und dennoch gehört die Zei­tung zum Morgenritual. Vielen hat sie wohl auch das Morgengebet ersetzt.

 

Die Zeitung holt die Welt herein

        Warum aber ist die Zeitung am Morgen so bedeutsam? Ich denke, es ist dies: Die Zeitung in meiner Hand stellt mich in einen grösseren Zusam­menhang. Sie legt mir gleichsam jeden Morgen die Weltkarte auf den Tisch. So werde ich mir be­wusst, dass ich in ein Ganzes gehöre. Ich genüge mir selbst nicht. Ich will in einer grösseren als bloss der mei­nen Welt leben. Die Zeitung präsen­tiert mir täglich diese grössere Welt.

        Ein Grundfunktion jeder Religion ist die Garantie des Ganzen, die Zu­sicherung an uns, dass die Welt im Ganzen von einer göttlichen Macht zu­sammengehalten wird. Religion soll diese grundlegende Ordnung garantie­ren. Viele religiöse Rituale dienen diesem einen Zweck: Der Zusammenhalt des Ganzen soll garantiert werden. Wir Menschen brauchen diese Zuver­sicht, dieses Grundvertrauen darauf, dass die letzten Zusammenhänge der Welt Bestand haben und die Welt mehr als ein Haufen von fragmentarischen Zufälligkeiten ist. Vielleicht ist die Zeitung am Morgen ein letzter Ueberrest eines solchen Rituals. Indem sie mir den Ueberblick über die ganze Welt gibt, garantiert sie mir gleich­sam, dass die Grundordnung dieser Welt erhalten bleibt.

 

Die Zeitung ortet

        "Wie gross du für dich seist, vorm Ganzen bist du nichtig; doch als des Ganzen Glied bist du als klein­stes wichtig." So formuliert Rückert in seinen "Bausteinen: Angereihte Perlen". Und damit trifft er genau die doppelte Bewegung, in die mich die Zeitung am Morgen bringen kann. Sie stellt die richtigen Verhältnisse her. Sie macht mir bewusst, wie klein ich bin, wie ohnmächtig zugleich im Blick auf das Tollhaus Welt. Zugleich nimmt sie mich auch in Pflicht, weil sie mir Tag für Tag zeigt, dass ich Teil dieser Welt bin und meinen Bei­trag zu ihrer Gestaltung leisten muss.

        Geschieht hier nicht etwas, das seine Analogie in der Begegnung mit Gott hat? Biblische Texte, die von Gottesbegegnungen zeugen - ich denke etwa an die Geschichte von Mose vor dem Dornbusch -, lassen auch diese doppelte Perspektive erkennen. Die unendliche Grösse und Unverfügbarkeit Gottes wird erfahren. Und der Mensch wird sich seiner Nichtigkeit gewahr. Zugleich aber wird der Mensch gross gemacht, in Pflicht genommen. Jede biblische Gotteserfahrung müändet in eine Aufgabe. Der, dem Gott begegnet, er erhält einen Auftrag. Das Magnifi­kat ist Reflex auf die Gottesbegeg­nung Marias. Sie redet von der "Grösse des Herrn", der auf die "Niedrigkeit seiner Magd" geschaut hat. Und sie singt davon, dass "der Mächtige Grosses an ihr getan hat".

 

Wer Zeitung liest, hat die Welt noch nicht aufgegeben

        So kann also die Zeitungslektüre am Morgen zur Begegnung mit Gott im Alltag werden. Nicht deshalb, weil in der Zeitung von Gott die Rede wäre, auch nicht deshalb, weil ich ob der Katastrophenmeldungen verschreckt, ein Stossgebet gen Himmel schicke. Sondern ganz einfach deshalb, weil der Vorgang des Zeitungslesens etwas mit Religion zu tun hat. Er stellt gleichsam das Grundverhältnis her, das Religion ausmacht. Er stellt mich in den Zusammenhang des Ganzen in je­ner doppelten Weise, von der ich oben geredet habe. Der Zeitungsleser dis­poniert sich so gleichsam im Zei­tungslesen für Gott. Er kommt in Kon­takt mit den Grunddimensionen menschlichen Lebens. Damit führt der Weg nicht direkt von der Zeitung zu Gott, nicht jeder Zei­tungsleser wird zu einem religiösen Menschen. Und die Erfahrung des Ver­wobensein ins Ganze, das sich beim Zeitungslesen untergründig einstellt, ist noch lange keine Gotteserfahrung. Gott ist ja mehr als die Erfüllung unserer Sehnsüchte. Aber wer keine Sehnsucht mehr in sich spürt, wie soll der noch von Gott etwas erfahren können. Zeitungsleserinnen und -leser tragen aber die Sehnsucht nach dem Ganzen in sich.


Zurück