Einfach zu Glauben *

Viele sagen: ich möchte  gerne glauben,  dass das Leben sinnvoll ist,aber ich kann es nicht“. Viele sehnen sich ja auch nach einem glücklichen und erfüllten Leben. Das Schicksal aber schlägt oft erbarmungslos zu. Der Glaube an Gott scheitert immer wieder an den realen Verhältnissen, an all dem,    was der Alltag so manchem an Schwerem und Unverständlichem austeilt.  Ist der Glaube an Gott angesichts der vielfältigen Not im Kleinen und im Grossen nicht purer Zynismus ?

Der realistische Blick auf das Schicksal vieler Menschen macht deutlich, in welcher Spannung der Glaubende lebt. Einerseits feiert er in jedem Gottesdienst seine eigene Erlösung und die Erlösung der ganzen Welt als eine in Jesus Christus längst vollendet Tatsache. Zum andern erlebt er sich selbst und die Welt weit entfernt von aller Harmonie, verstrickt in die Wechselfälle des Lebens, ungücklich und traurig. Tagtäglich begegnet er Tränen, die sichtbar machen, wie unerlöst wir leben. Noch schrecklicher aber sind die ungezählten, nicht geweinten Tränen jener Menschen, denen das Leben sogar das Weinen ausgetrieben hat.

                                               Auch der, der glaubt, dass in Jesus Christus das Schicksal des Menschen und der Welt ins Positive entschieden ist, muss anerkennen, dass Schrecken, Angst und Leid noch immer mächtig sind. Blaise Pascal hat das einmal drastisch formuliert: "Jesus bleibt in Agonie bis ans Ende der Welt".

                                               Der Glaube lädt ein, in dieser bis ans Ende der Zeit fortwährenden Agonie  aus der Hoffnung auf den Gott zu leben, der kommen wird und - wie es in der Geheimen Offenbarung formuliert wird - jede Träne aus unseren Augen wischen wird (Off 21,4).

                                               Diese Zusage ist mir kostbar. Sie ist wie eine Kurzformel des ganzen Glaubens. ie hält die Spannung ,von der wir eben geredet haben, aufrecht. Sie bezeugt eine Hoffnung, nimmt die Welt, so wie sie ist und ermutigt zu einer konkreten Lebenspraxis.

                                               Sie formuliert eine Hoffnung: Keine Träne wird vergebens vergossen sein. Sie alle werden abgewischt werden. Am Ende der Zeit wird es nicht heissen: vergesst nun eure Tränen; was war, ist nicht mehr. Im Gegenteil auch was war, wird in diese neue Zeit hineingenommen. Und so hängt an jeder Träne auch ein Hoffnungsschimmer. Die Hoffnung darauf, dass auch sie einmal abgewischt, das heisst doch wahr- und ernstgenommen wird. Es geht im christlichen Glauben demnach nicht um eine Zukunft auf Kosten der Vergangenheit, nicht um eine Zukunft des Vergessens und Verdrängens.In der Zukunft, zu der sich der christliche Glaube bekennt, bleibt die Erinnerung an die Schrecken und Leiden dieser Welt und ihrer unzähligen kleinen und grossen Geschichten aufgehoben. Aufgehoben im doppelten Sinn dieses Wortes: Die Tränen werden wahrgenommen, aufgehoben aus dem Vergessen und zugleich abgewischt, aufgelöst. In den Märchen werden Tränen oft in Perlen verwandelt. In diesem Bild ist dargestellt, was die Geheime Offenbarung verheisst, wenn sie von den abgewischten Tränen redet.

                                               Die Zusage aus der Geheimen Offenbarung nimmt die Welt ernst: <sir Lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass es in unserer Welt nicht zum Besten bestellt ist. Die Welt wird nicht verzaubert. Schrecken und Leiden werden nicht verdrängt. Das ist nämlich oft die Tragik des Glaubens, dass er naiv und blauäugig in die Welt schaut und das Unfassbare und Schreckliche nicht wirklich wahrhaben will. Glaube ist kein Narkotikum, kein Opium, das uns die Welt schöner machen will, als sie tatsächlich ist. Karl Marx hat der Religion vorgeworfen, dass sie nur wie Blumen sei, welche die Ketten verdecken, an die wir Menschen gekettet sind. Wenn in unserem Satz von den Tränen geredet wird, dann wird entgegen diesem Vorwurf gerade auf diese Ketten hingewiesen. Denn sie sind es ja, die den Menschen die Tränen in die Augen treiben.

                                               Die Verheissung der Geheimen Offenbarung lädt zu einer konkreten Lebenspraxis: Der Satz von den Tränen, die abgewischt werden, ermutigt zu zwei wichtigen Handlungen. Dazu, die Tränen überhaupt wahrzunehmen und dazu, jetzt schon Tränen abzuwischen. Die Verheissung ist kein Satz, der ins blosse Zuwarten entlässt. - Wir neigen ja eher dazu, Tränen zu übersehen, Tränen zu unterdrücken. Es ist bequemer, uns ihnen zu entziehen, als sich ihnen zu stellen. Es ist bequemer, den Menschen, die vom Leben geschlagen werden, auszuweichen. Wir fühlen uns bei den Siegern und Ueberlegenen wohler als bei den Opfern und Zukurzgekommenen. Der Glaube stellt aber gerade zu den Menschen, die allen Grund zum Weinen haben. Er fordert auf, ihre Tränen wahrzunehmen, sie auf ihre Tränen anzusprechen und ihnen die Tränen abzuwischen .Vermutlich besteht sogar ein innerer Zusammenhang zwischen der Hoffnung, die der Glaube weckt, und dem Erschrecken über Leiden und Not. Denn ist es nicht so, dass erst auf dem Hintergrund der Hoffnung, dass das Leben im Grunde ganz und heil sein soll, Erschrecken über die Not möglich wird ? Wenn sich das,  was ist, aus seiner blossen Existenz rechtfertigt, dann kann ich im Grunde gar nicht leiden. Leiden entsteht ja durch die Erfahrung einer Differenz zwischem dem, was da ist und dem, was da sein sollte. Nur wenn ich davon ausgehe, dass jedem Menschen ein ganzes und erfülltes Leben zugesagt wird, nur dann kann ich erschrecken, wenn dieses Leben zerstört oder behindert wird.  Ohne diese Voraussetzung kann ich gar keine Differenz wahrnehmen.          Ohne diese Differenz sind Tränen gar nicht möglich. Und ohne sie stellen sich die Anfragen gar nicht, die das Leid an den Glauben stellt. Eine paradoxe Feststellung also. Die Hoffnung auf ein ganzes und erfülltes Leben ist die Ursache dafür, dass ich leiden kann. Dieses Leid ist aber zugleich der Grund für meine kritische Anfrage an die Verheissungen des Glaubens .Der Glaube hebt so nicht einfach Spannungen auf, er erzeugt sie vielmehr. Glauben heisst wesentlich, diese Spannung,die im Leid spürbar wird, auszuhalten, nicht als asketischer Held allerdings, sondern in der Hoffnung auf das Ende des Leids, die dazu befreit, gegen das Leid anzugehen, wo es von uns Menschen selber geheilt werden kann 


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